(Deutsch) Mütterausbildung in Mingun: Christine Kießling berichtet von Woche Vier

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Auf de Schaukel im Pausenhof

An alle, die am Projekt Mingun Interessierten,
Was gibt es zur Halbzeit zu berichten?

Alle vier “Baustellen” im Plan

Alle meine vier “Baustellen” laufen: der Unterricht für die Mütter und das Dorfmüttertraining, die Unterstützung des Kindergartens, das Mathematik-Engagement in der Schule und die Ausstattung des Lehrerzimmers. Von meinem Arbeits- und Esstisch auf der Veranda aus höre ich den Schreiner sägen und hämmern. Er arbeitet ja in der Nachbarschaft. Seine Zeitplanung geht auf, er kommt zügig voran. Am Ende der Woche sollen die Hängeregale angebracht werden. Mittlerweile haben wir uns noch entschlossen, das Lehrerzimmer mit einem Fliesenboden auszustatten. In der Kreisstadt Sagaing wird sich etwas Passendes finden lassen. Geeignete Handwerker stehen schnell zur Verfügung. Bis zu meiner Abreise wird der Raum fertig eingerichtet sein.

Der Unterricht für die Mütter, die ihre Kenntnisse an die Dorfmütter weitergeben, findet abwechselnd mit der Unterweisung der Frauen aus dem Dorf statt. An einen Tag lernen sie, am anderen Tag lehren sie. Alle drei Lehrerinnen machen ihre Sache gut, die Zuhörerinnen folgen gespannt. Es gibt Hausaufgaben in Form von: gesundes Öl, in der Familie bevorzugtes Gemüse oder kostenlose Gaben aus der Natur mitzubringen. Ich habe sie gebeten, nicht nur zu dozieren, sondern die Teilnehmerinnen aktiv einzubeziehen mit ihrer persönlichen Erfahrung. Zum Abschluß der Stunde gibt es immer zur Belustigung ein Spiel. Das zu beobachten, ist der größte Spaß für mich. Sie sind so gerne ausgelassen und lachen herzerfrischend.
In der Basisgruppe müssen wir schauen, dass wir den restlichen Stoff noch schaffen. Die Unterrichtstage halbieren sich ja durch das Training der Dorffrauen. Dazu habe ich, wie früher in der Schule, einen “Stoffverteilungsplan” gemacht. Wenn nicht durch Unvorhergesehenes der Übersetzer ausfällt, kommen wir durch. Da bin ich heilfroh, ich liebe keine halben Sachen. Die Dorfmütterschulung läuft ja weiter nach meiner Abreise. Wie ich schon in dieser Woche sehen konnte, können sie das gut alleine.
Ein Lehrer, eine Lehrerin genießt in diesem Land höchste Anerkennung. Es gibt hier einen Lehrertag, so wie es bei uns einen Muttertag gibt. An diesem Tag wird dem Lehrer durch ein Gedicht und Gebet Respekt erwiesen. Diese Ehrerbietung wird schon den Erstklässlern beigebracht. An diesem Tag erhält er Geschenke von seinen Schülerinnen und Schülern. Grundsätzlich geht man leicht gebeugt am Lehrer, an Höhergestellten oder Älteren vorbei. Der Schüler steht mit verschränkten Armen vor dem Lehrer, wenn er “Guten Morgen” sagt oder etwas vortragen muß. Am Ende meines Unterrichts bedanken sich meine Schülerinnen immer für das Gelehrte, seit Beginn meiner Tätigkeit hier. Mir werden auch meine Schulsachen von meinen erwachsenen Schülerinnen vom Zimmer zum Unterrichtsraum und wieder zurück getragen. Manchmal bekomme ich Blumen oder Obst, manchmal auch mein Mittagessen geschenkt. Da können sich deutsche Lehrer nur verwundert die Augen reiben!

Marktbesuch …

Es ist auch immer ein “Must” für mich, den hiesigen Markt zu besuchen. Diesmal ging ich mit Kyaw Kyaws Frau schon morgens um 6 Uhr hin, um 7 Uhr haben die meisten Händler schon wieder eingepackt. Der Weg dorthin, entlang der Hauptstraße ist ungewohnt ruhig. Die meisten Souveniershops haben ihre Waren noch hinter den Bambusgittern verborgen. Der Markt findet am Fuße der alten Pagoda statt. Auf Tischen oder am Boden reihen sich die Stände am Straßenrand. Es herrscht eine gewisse Ordnung: die Gemüsehändlerinnen mit den Blumenverkäufern, dann kommt die Hühner-. Schweine- und Rindfleischabteilung. Natürlich gibt es ein reichhaltiges Angebot an Fisch, frisch aus dem Irrawady. Zum Teil wird am gleichen Stand Fleisch und Fisch angeboten, bei uns undenkbar. Es werden auch Innereien, Hühnerfüße und andere weniger wertvolle Fleischstücke verkauft, sodass für jeden Geldbeutel ein Angebot auf dem Markt zu finden ist. Die Käuferinnen sind wählerisch, schauen sich alles genau an und prüfen auf Frische und gutes Aussehen, bevor sie ihre Börse zücken. Der tägliche Marktgang gehört zum Alltag einer Hausfrau, sie haben ja in ihrer Küche keinen Kühlschrank. Den gibt es nur in begüterten Haushalten oder im Restaurant. Die beiden Blumenstände machen ein gutes Geschäft, da es religiöser Brauch ist, das Buddha-Eck im Haus immer mit frischen Blumen zu schmücken. Am 12. 12. werde ich Blumen kaufen, um sie am Grab von Kyaw Kyaws Mutter abzulegen, die vor drei Jahren gestorben ist.

...und Fliesenkauf

Am Mittwoch waren wir verabredet zum Flieseneinkauf in Sagaing. Beim Kloster in der Nachbarschaft konnte das Auto ausgeliehen werden. Diesen Tojota zu fahren ist Kyaw Kyaw gewöhnt, da er manchmal den Abt kutschieren muß. Wir erinnerten uns schmunzelnd an die früheren Fahrten mit dem Moped über die staubige und kurvenreiche Straße, für alle eine Qual: für das Moped, Kyaw Kyaw und mich. Beim Rückweg waren wir meistens aufgepackt bis oben hin mit unseren Einkäufen. Da ist es schon ein Fortschritt, ein Auto zur Verfügung zu haben, zumal Fliesen nicht auf dem Moped zu transportieren sind. Nun, es ging zuerst zum Geldtauschen. Auch in dieser Angelegenheit haben sie dazu gelernt. Es ist längst nicht mehr so kompliziert wie früher. Weiter zum ersten Fliesenladen: Es ist keine Fliese von den 20 Ausstellungsstücken in der von uns gewünschten Anzahl vorhanden. Wir sollen doch zum Fliesenhersteller am Rand der Stadt fahren! Mühsames Suchen und mehrfaches Fragen führte uns zum großen Fabriktor. Vier Männer sind dabei, das Tor zu bewachen. Im Show-Room eine nette Auswahl. Bei genauerer Nachfrage wird erklärt, dass nur die weißen Fliesen in der Menge da sind, die wir brauchen. Diese Farbe ist völlig unpassend für unseren Gebrauch. Dann fanden wir schließlich noch eine rotbraune, einigermaßen ansprechende Fliese. Schnell einpacken, dann weiter…Denkste! Leider war um 11.30 Uhr dann gerade die Mittagspause angebrochen. Noch nie habe ich in Myanmar eine solche Pünktlichkeit erlebt! Statt einer Stunde im Werksgelände zu warten, fuhren wir wieder in die Stadt. Wir haben noch Ordner und verschließbare Boxen eingekauft. Meiner Erfahrung nach hat es sich als zweckmäßig erwiesen, dass man immer zu mitgebrachten Dingen auch gleich die Ordnungssysteme liefert. Sonst verschwinden die Dinge in den wenigen Schubladen, in denen sich schon bis oben hin unsystematisch gestapelter Wust staut. Wir schauten noch in einer Gärtnerei vorbei und kauften Pflanzen zur Verschönerung des Schul- und Kindergartengeländes. Dann zurück an den Stadtrand zur Fliesenfabrik, die vier Männer öffnen das Tor. Wir stehen vor der Auslieferung, die Motorhaube soll geöffnet werden, dabei bricht der Zündschlüssel ab. Große Not! Smartphone gezückt, die Freunde in Mingun angerufen. Moe Kaings Heimatstadt ist Sagaing, er hat sämtliche Verbindungen. In kürzester Zeit kommt der Mechaniker auf dem Moped, feilt so lange an einem anderen Schlüssel und probiert und probiert, bis der Motor anspringt. Den Spaß habe dann ich bezahlt, sozusagen als Leihgebühr fürs Auto. Gegen drei Uhr am Nachmittag waren wir zuhause, wo alle schon bereitstanden, um die Fliesenpakete auszuladen und über das Schlüsselabenteuer zu lachen. Doch die Story ist nicht zu Ende: Wie sich am Donnerstag herausstellte, sind in den Fliesenpaketen drei unterschiedliche Muster. Das sind die speziellen Überraschungen, die dieses Land bereithält. Nach einem gründlichen Check werden wir sehen, wieviel umgetauscht werden muß. Also wieder eine Fahrt nach Sagaing!

Der Kindergarten: wieder in der Spur

Der Kindergarten ist wieder in der Spur. Am Montag kam Tu Sar nach vier Wochen Abwesenheit zum Kindergarten zurück. Sie hat nun ihre Abschlußprüfung an der Universität bestanden und arbeitet weiterhin im Kindergarten. Mit ihr kam ein Aufwind in die Truppe. Schon am Freitag vorher, nach der Teamsitzung haben sie geputzt, geordnet und Puppen und Bezüge zum Waschen mit nach Hause genommen. Sie besinnen sich nun mehr und mehr auf das Gelernte und arbeiten mit den Kindern vielfältiger in der Großgruppe und machen Angebote in der Kleingruppe, wie sie es gelernt haben. Sie sind seit Langem methodisch routiniert, alles ist oft geübt, sie müssen nur ihre Trägheit überwinden und die Kenntnisse anwenden.
Am Donnerstag ging der Kindergarten zusammen mit den Schulkindern zur großen weißen Pagode, die ja um die Ecke ist. Sie haben Blumen zum Opfern mitgenommen. Erfahrungsgemäß bekommen sie von den Frauen, die an der Treppe Räucherstäbchen verkaufen, welche geschenkt, weil die es gut finden, dass Kinder zum Beten zur Pagode kommen. Schon die Kleinsten kennen die wichtigsten Gebete vom täglichen Ritual zu Beginn von Kindergarten und Schule. Religiöse Erziehung ist in allen Familien wichtig. Die Spenden an die Klöster und die Verehrung der Mönche ist ein wesentlicher Bestandteil der Kultur in diesem Land.

 

Auf dem Rand des Sandkastens: Reime und Fingerspiele

Seit ein paar Tagen findet ein Frosch in der “Dusche” sein Nachtquartier und schaut mir beim Zähneputzen zu. Es ist ja ein vergleichsweise harmloses Tier, hatten wir doch schon einen Skorpion im Spülbecken und eine grüne Schlange vor der Toilettentür. Beim Duschen habe ich mir wieder meine Minguner Erkältung geholt, ohne die ich nicht davon komme. Auch als es vor drei Wochen noch wärmer war, war das Wasser im Vorratsbecken ziemlich kühl. Man schnappt schon mal schnell nach Luft, wenn man sich den Kübel voll mit kaltem Wasser über den Kopf gießt. Mittlerweile ist ja der Burmesische Winter eingekehrt. Es gibt bedeckte Tage, die Leute tragen Jacken aus Wollstoff und Mützen, als ob es Grundeis hätte. Sie klagen bei dieser “Kälte” auch über Kopfweh. Ich brauche grad morgens und abends meinen Fleece. Am Abend sitze ich manchmal mit Kyaw Kyaws Familie zusammen. Ich helfe beim Auffädeln der Blumenketten, die Kyaw Kyaws Frau nebenbei verkauft, das Stück für 12 Cent. Dabei kommt die Politik zur Sprache. Angeblich geht es den Burmesen nicht schnell genug mit dem Fortschritt, den sie mit der jungen Demokratie verbinden. Sie messen sich mit Singapur, was völlig unsinnig ist. Mit ihrem Präsidenten sind sie zufrieden, mit der “Lady” (Friedensnobelpreisträgerin Aung San Su Kyi) sowieso. Sie setzt aufs junge Volk und investiert viel in die Schulen und die Ausbildung der jungen Menschen. Auch Krankenhäuser sind im Fokus. Ein weiteres beliebtes abendliches Thema ist der Geisterglaube der einfachen Leute. Es sind die gleichen Geschichten, die vor zwei Generationen in einem bayerischen Dorf auch noch geglaubt wurden. Großer Religiosität steht immer auch großer Aberglauben gegenüber. Die Nacht empfinden die Burmesen als bedrohlich. Das ist die Zeit der Geister. Da ist es nicht verwunderlich, dass sie sich vom Gesang der Mönche, der mittels Lautsprecher durch das Dorf hallt, getröstet und beschützt fühlen. Sie beginnen meist um drei Uhr in der Nacht mit ihrem Gebet, manchmal auch schon früher. Für mich ist es nicht zu überhören. Die Leute um mich herum sind es gewöhnt und lassen sich in ihrer Nachtruhe nicht stören. Die Mönche wiederholen dann über Stunden die gleichen Gebetsteile. Für mich wirkt es nach einiger Zeit wie eine akustische Folter. Man möchte dann, bei allem Respekt vor der Religion, nur noch den Stecker ziehen. Es geht auch tagsüber oft recht laut zu: tuckernde Kleinlastwagen, hupende Mopeds, Verkaufswägelchen mit Lautsprecheransagen, süße Schlagermusik vom Teenager nebenan, Kindergeschrei auf dem Schulhof vor meinem Zimmer. Wird es mir zu viel, flüchte ich in die friedliche Atmosphäre des Gardencafes. Habe ich Pech, ist grad Stromausfall und im Gardencafe dröhnt laut der stinkende Generator. Sie brauchen ja Power, um die modernen Kaffeemaschinen und den Mixer für die Fruchtshakes zu betreiben.
Nun bin ich gespannt, was meine nächste Woche bringt. Gut gestimmt grüße ich alle wieder aus dem kleinen Mingun am großen Irrawady, Christine

10. Dezember 2018 Christine Kießling
Alle Fotorechte Christine Kießling, Förderverein Myanmar e.V.