(Deutsch) Mütterausbildung in Mingun: Christine Kießling ist wieder im Einsatz

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Christine bei der Ausbildung der Mütter. Statt ursprünglich vier  sind nun  zehn  Frauen dabei

Christine Kießling ist wieder in Mingun eingetroffen. Im Vorfeld hat Christine geschrieben: “Bei diesem Einsatz liegt der Schwerpunkt auf der Mütterschulung. Als Erweiterung der Elternarbeit, die ja eine Aufgabe des Kindergartens ist, sollen interessierte Frauen im Dorf ein Bildungsangebot erhalten. Das Training beinhaltet die Bereiche Pädagogik, Gesundheit und Umweltschutz. Es haben sich vier Frauen als Mentorinnen zu Verfügung gestellt, die dann wiederum ihre Kenntnisse an die jungen Frauen im Dorf weitergeben.”
Lesen Sie hier ihren ersten Bericht:

 

Ein herzliches “Mingalaba” an alle am Projekt Interessierten,
am Dienstag (13.11.2018) bin ich, nun zum fünften Mal seit 2012, in Mingun angekommen.
Wie gewohnt, werde ich jedes Wochenende einen Bericht schreiben, der Sie/Euch über meine Arbeit, meine Erlebnisse, das Dorfleben und die burmesische Kultur informiert.
Doch beginnen wir in München. Wie befürchtet gab es wegen meines Übergepäcks diverse Schwierigkeiten. Für die 9 kg sollten 62 US-Dollar pro Kilo fällig werden. Ich zeigte meine Entsendungspapiere und redete mit Engelszungen, doch die Damen am Check-In ließen mich ordentlich schmoren. Letztlich musste ich meinen Schalenkoffer öffnen und am Boden krabbelnd die einzelnen Bestandteile des Inhalts und ihre Nutzung erklären. Dann gab es ein o.k. Mühsam liess er sich wieder schließen und dann aufs Band hieven, worauf er mit der nötigen Banderole versehen wurde. Unter tausendfachem Dankeschön meinerseits und vielfachen Ermahnungen für einen vergleichbaren Fall in der Zukunft ihrerseits verschwanden dann meine beiden Gepäckstücke in den Untiefen des Flughafens.

Der Flug verlief unkompliziert: zehn Stunden bis Bangkok, viereinhalb Stunden Aufenthalt, eineinhalb Stunden bis Mandaly. Dort war die Überraschung groß, als einer meiner Koffer beschädigt ankam. Der Reißverschluß war aufgeschlitzt, der Inhalt war sichtbar. Daraufhin war noch ein halbe Stunde Schadensaufnahme notwendig. Ergebnis offen. Meine Abholer haben geduldig gewartet. Dann fuhr das Auto eine Stunde bis zur Bootsanlegestelle und ich bestieg als einzige Passagierin das Boot nach Mingun. Die Bootsfahrt hat mich wieder mit allem Vorausgegangenen versöhnt. Es ist immer wunderbar, sich auf dem Fluss dem kleinen Ort Mingun zu nähern. Das Ufer in Sichtweite, war es ein heimatliches Gefühl: bekannte Menschen, die einen fröhlich winkend erwarten. Am Kindergarten wurde ich von den Kindern wieder mit duftenden Blumenketten empfangen. Nach einer großen Begrüßungsrunde mit Leuten aus dem Dorf konnte ich mich dann zurückziehen.

Freudiger Empfang für Christine

By failing to prepare, you are preparing to fail.

Im Tea-Shop

Am nächsten Tag begann der normale Alltag. Morgens gehe ich immer zum Frühstücken in den gegenüberliegenden Teashop. Wer meine früheren Berichte kennt, der weiß: der Teashop ist der Nabel der Welt für das Dorf Mingun, im Teashop und auf der angrenzenden Kreuzung steppt der Bär. Ich beziehe wieder auf meinem Lieblingsplatz meinen Beobachtungsposten. Die Teashop-family ist unverändert, außer der Kleinen, die ich schon kenne, seit ich vor sechs Jahren in die von der Decke baumelden Wiege geblickt habe. Neu ist, dass nun auch eine kleine Suppenküche im Teashop aufgemacht hat. Viele Menschen in den Häusern und Shops um die Kreuzung herum, kenne ich. Viele, die mit dem Moped um die Ecke biegen, sind mir vom Gesicht her oder mit Namen bekannt. Zu vielen Gesichtern kenne ich auch die dazugehörigen Familiengeschichten. Die Passanten winken mir zu, lachen und halten zu einem kurzen Schwatz an. Die Wassermelonenverkäuferin lädt mich an ihren Stand ein, auch die Pancake-Frau. Es kommt noch ein Kindergartenkind vorbei, das mir von zuhause eine Blumenkette mitgebracht hat. Diesmal fahren die Schulkinder nicht nur in Richtung Dorfausgang, sondern Kinder im Grundschulalter gehen mit ihren weiß-grünen Uniformen in die entgegengesetzte Richtung, nämlich zur neuen Primary-School. Sie befindet sich auf dem Gelände des Kindergartens, wurde vom Förderverein “Help Myanmar” erbaut und letztes Jahr eröffnet. (Siehe auch Homepage “Help Myanmar”) So ist zusammen mit der Schule aus dem Kindergarten ein ansehnliches Kinderzentrum entstanden.

Als Hauptaufgabe habe ich mir dieses Mal die Mütterschulung vorgenommen. Am Nachmittag habe ich die vier Mütter getroffen, die als Mentorinnen für diese Schulung der jungen Mütter im Dorf tätig werden sollen. Es haben sich gestern sechs weitere dazu gemeldet, sodass wir zehn sind. So spontan ist man in Myanmar. Da muß man cool mitspielen. Die vorbereiteten Reader müssen halt geteilt werden. Die Frauen haben viel Interesse an der Schulung und etwas Sorge, ob sie als “Lehrerinnen” von den anderen Frauen im Dorf angenommen werden. Sie schreiben fleißig die von mir referierten und von Kyaw Kyaw übersetzten Texte mit, diskutieren darüber und haben eine feste Meinung über die Dinge des Lebens. Auf ihre Kritik hin werden wir das Thema”Gesunde Ernährung” vereinfachen für die Frauen vom Dorf. Mir gefällt ihre lebendige Teilnehme, ihre Offenheit und Couragiertheit. Die Stimmung ist immer lustig und pfiffig. Sie wollen an sieben Tagen in der Woche Unterricht haben, jeweils zwei Stunden. Soviel Zeit lassen ihre häuslichen Pflichten zu.

Gleich an den ersten Tagen habe ich an den Maler den Erlös der Aquarell-Verkaufsausstellung, die von Barthel Schmitz aus Köln durchgeführt wurde, übergeben. Der Künstler stellt das Geld für die von ihm gemalten Bilder der Dorfbevölkerung zur Verfügung und erhält einen Anteil. Die mitgebrachten Aquarellpapiere in zweierlei Größen wurden von ihm strahlend entgegengenommen. Die deutsche Qualität ist nicht zu überbieten, stellte er trocken fest.

Im Auftrag von drei Pateneltern habe ich auch Briefe und Geschenke an die Kinder übergeben. Die Freude ist immer groß über einen lieben Gruß und finanzielle Zuwendungen. Ein Patenkind kann nun das langersehnte Fahrrad bekommen und muss nicht mehr 1,5 km zu Fuß zur Schule laufen.
Von Kyaw Kyaw und Bo Thaw, einem Kommittee-Mitglied, wurde ich einem Abt in einer großen Klosterschule hier in Mingun vorgestellt. Der Respekt erfordert es, sich vor dem Abt auf den Knieen liegend zu verneigen. Nach dieser Ehrerbietung wurden wir zu einem lockeren Gespräch mit dem jungen und dem alten Abt an den Tisch gebeten, eine Nonne wartete mit Tee, Sesamcandys und Kuchen auf. Es ist eine Schule mit 245 Schülerinnen, halb Jungs, halb Mädchen, alles Novizen und Nonnen. Es sind z. T. Waisenkinder oder sie wurden von ihren Eltern zu einer klösterlichen Erziehung an diese Schule gegeben. Sie kommen aus allen Landesteilen und sind Mitglieder der verschiedensten ethnischen Gruppen, die es in Myanmar gibt. In einem Wohnheim in der Nähe sind sie untergebracht. Es gibt religiösen Unterricht, der befähigt, auf weiterführende buddhistische Univerversitäten zu gehen. Die weltliche Bildung ist an den Lehrplan der Regierung angelehnt und führt bis zur 10. Klasse. Danach ist man berechtigt, eine Universität zu besuchen. Wir wurden auch bekannt gemacht mit zwei englischen Jungs, die sich für ein Jahr zu einem Freiwilligendienst verpflichtet haben, um die Wartezeit auf die Uni zu überbrücken. Ihre Aufgabe ist Englisch-Unterricht in einer abenteuerlichen Mischung von Klasse 1 bis 4. Sie haben einen patenten Eindruck gemacht.

Nun erzähle ich noch etwas aus meiner persönlichen Situation. Untergebracht bin ich wieder in meinem gewohnten Zimmer, dem Kindergarten-Büro. Das Bett ist mit zwei Matratzen bestückt, einer alten und einer neuen, die noch in der Plastikverkleidung steckt. Sie meinen es halt doppelt gut mit mir. Das Essen kocht mir Kyaw Kyaws Frau. Es schmeckt wunderbar. Kürzlich hat Kyaw Kyaw in der Nacht im Irawady einen großen Fisch gefangen. Als ich den Angler, die Köchin und den Fisch fotografieren wollte, war er schon zerlegt. Nächstes Mal fängt er für ein Foto noch einen größeren, meinte Kyaw Kyaw. Ich bekomme auch viel Obst und Anderes geschenkt, das ich meist den Kindergartenkindern weiterschenke.
Als ich Kyaw Kyaws Tochter, die nun gut zwei Jahre alt ist, sah, war sie als Nonne gekleidet und hatte einen geschorenen Kopf. Ich fragte nach dem Grund und erhielt folgende Erklärung: Das Kind war krank und wurde trotz ärztlicher Bemühungen nicht gesund. So gingen die Eltern zum Astrologen und erfuhren, dass das Kind aus einer früheren Existenz Unrecht auf sich gezogen hat. Um diese frühere Schuld abzutragen, muss es für kurze Zeit Nonne werden, um dann eine neue Existenz zu erhalten. So wurden dem Kind in einem Nonnenkloster während einer Zeremonie die Haare abrasiert. Anschließend wurde es eingekleidet. Dieses Gewand hat die Kleine dann drei Tage getragen. Mittlerweile ist sie lustig und fidel und ist froh, dass sie die beengende Kleidung nicht mehr tragen muß. Ich fand sie allerliebst als die kleine Ausgabe einer erwachsenen Nonne.
Nachmittag war ich zum ersten Mal im “Gardencafe” auf einen Ananassaft. Wenn man Abstand braucht, ist diese ruhige Atmosphäre mit dem freien Blick auf den Fluss eine wunderbare Adresse. Seit diesem Jahr arbeitet auch Kyaw Kyaws Nichte in ihrer studienfreien Zeit hier, um zum Familieneinkommen beizutragen.

Kyaw Kyaws kleine Tochter als Novizin

Nun beginnt morgen eine neue Woche. Es gibt wieder viel zu tun, die Liste ist lang. Doch ich habe in gewohnter Weise alles im Blick. Meine burmesischen Partner machen zuverlässig mit, darüber bin ich froh. Sie finden es schön, dass ich wieder da bin. Auch ich bin gern wieder unter diesen Leuten.
Es ist zu wünschen, dass ich so gesund und munter bleibe, wie ich es bis jetzt bin.
Es grüßt Sie/Euch wieder in alter Gewohnheit aus dem kleinen Mingun am großen Irrawady, Christine

18. November 2018 Christine Kießling
Alle Fotorechte Christine Kießling, Förderverein Myanmar e.V.