The duty is done: Christines last week in Mingun

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Liebe Freunde und UnterstĂŒtzer des Projekts Kindergarten Mingun!

Abschlussessen und danach gibt es die Zertifikate Foto: Christine Kießling

Meine vier Wochen Einsatzzeit sind schnell vergangen. So kurz war mein Aufenthalt noch nie, doch die Dauer war der Aufgabe angemessen. Wir sind nun an diesem Wochenende im Endspurt. Bis Freitag hatten die Lehrer alle Lektionen durchgenommen, es hat sich wunderbar gefĂŒgt. Das kann man von zuhause aus bei der Planung nicht vorhersehen. Die SchĂŒlerinnen hatten auch noch wĂ€hrend des Unterrichts Interesse an weiteren Themen bekundet. So habe ich Unterlagen zum Thema “Schulreife”, “LinkshĂ€ndigkeit” und “VernachlĂ€ssigung und Verwöhung in der Erziehung” erstellt. Das Thema VernachlĂ€ssigung tauchte auf, weil sie natĂŒrlich auch Problemfamilien im Dorf haben, die keine Hilfe annehmen. Der Versuch, einen Jungen aus einer solchen Familie in den Kindergarten zu holen, scheiterte an der Bereitschaft, das Kind regelmĂ€ĂŸig und gewaschen dort abzugeben. Ich habe ihnen trotzdem diese Kinder ans Herz gelegt, da sie nur durch Erziehung und Bildung aus dem Kreislauf der Armut befreit werden können.
Bei der Schlußbesprechung mit den SchĂŒlerinnen hat Kyaw Kyaw nach ihren Erfahrungen bei der Schulung gefragt und sie aufgefordert, auch Kritik zu Ă€ußern. Sie waren alle vom neuen Wissen begeistert und wĂŒnschen sich eine Fortsetzung dieser Themen. Bei der abendlichen Besprechung mit den Lehrern war die gleiche  Begeisterung zu spĂŒren. Beide waren hochzufrieden mit dem Ergebnis des Trainings. So fĂ€llt es mir leicht, sie in die UnabhĂ€ngigkeit zu entlassen. Sie sind nun selbstĂ€ndig und können die Schulung jederzeit mit einer anderen Zielgruppe wiederholen. Wir haben auch ĂŒber die Werbung fĂŒr dieses Training in den nĂ€chsten Sommerferien gesprochen, unter anderem auf “face book”.
Die SchĂŒlerinnen erhalten ein von ihren Lehrern unterschriebenes Zertifikat fĂŒr ihre erfolgreiche Teilnahme. Ich werde den Lehrern fĂŒr ihre LehrtĂ€tigkeit ebenso ein Zertifikat ausstellen. Mit stringentem Zeitmanagement will ich auch diesmal wieder alles schaffen.
Der Besuch auf dem Nightmarket in Mandalay fiel fĂŒr mich flach, da ich seit einer Woche ziemlich erkĂ€ltet bin. Die Kindergartentruppe wollte dort besonderes GemĂŒse einzukaufen. Heute, am Sonntag, wird wir nach der Übergabe der Zertifikate zusammen gekocht. Ein Abschlußfest dieser Art hatte ich noch nie, ich bin gespannt.


Es geht mit dem Bau der Grundschule in schnellen Schritten voran. Die Maurertruppe kommt sieben Tage die Woche morgens um sieben mit den Mopeds an und arbeitet bis fĂŒnf Uhr nachmittags, mit einem kleinen Imbiss zur Mittagszeit. Mittlerweile lĂ€uft unentwegt die benzinbetriebene Betonmischmaschine. Die 27 selbst hergestellten Metallpfeiler sind alle eingesetzt. Das Fundament ist betoniert. Nun beginnen sie die ersten Mauern, noch unter der Erde, hochzuziehen.  Die benötigten Ziegelsteine werden auf der Schulter und der Beton in einer flachen Schale an die Stelle, wo alles verbaut wird, getragen. Eine Schubkarre ist hier nicht im Einsatz. Die jungen MĂ€nner sind drahtig und singen oft bei der Arbeit. Allerdings werfen sie auch ihre leeren GetrĂ€nkedosen ins GelĂ€nde. Kyaw Kyaw und ich sammeln sie dann auf. Das Neueste ist, dass es nun in Mingun ein MĂŒllauto gibt. Daß ich das noch erleben durfte! Kyaw Kyaw und ich haben das MĂŒllproblem bereits 2012 besprochen. Doch damals war eine öffentliche Entsorgung noch in weiter Ferne. Nun hat ein Kloster aus den Spendengeldern der GlĂ€ubigen diesen nagelneuen weiße Lkw mit roter Aufschrift gekauft. Er fĂ€hrt am Mittwoch und Sonntag durch die Straßen, hĂ€lt z. B. beim Teashop und klingelt. Die Leute bringen dann ihre Körbe herbei und der MĂŒllarbeiter hilft beim Entleeren. Die Wagenladung wird am Waldrand, dem GelĂ€nde hinter dem Friedhof, in eine große Mulde gekippt. An diesem Entsorgungsmodus könnte man jetzt mit Volksbildung und AufklĂ€rung ansetzen. Umweltschutz ist auch im Kindergarten ein Thema. Es wurde mittlerweile erreicht, dass die Kinder nicht mehr soviel Chips und Flips mitbringen, “plastic-food”, wie wir es nannten, und somit auch MĂŒllvermeidung betrieben wird. Die Benutzung des Papierkorbs ist wichtiger Bestandteil der tĂ€glichen Erziehung. Ich selber bin auch froh, dass ich das Wasser nicht mehr aus den gekauften  Plastikflaschen trinken muß, sondern von unserer, seit letztem Jahr eingerichteten Entkeimungsanlage entnehmen kann. Das ist mein bescheidener Beitrag zur MĂŒllvermeidung in Myanmar. Ob man die Birmesen allerdings dazu bringen kann, eine Einkaufstasche mit auf den Markt zu nehmen, das weiß ich nicht. Nur gelegentlich sieht man eine solch umsichtige Hausfrau. Alles wird in kleinen PlastiktĂŒten mit nach Hause gebracht, selbst flĂŒssige Lebensmittel. Es ist bewundernswert, mit welcher Raffinesse die TĂŒten dann umgeleert werden, ohne einen Tropfen zu verschĂŒtten. Das setzt einfach langjĂ€hrige Übung voraus.


Nun will ich noch etwas vom Tempelfest erzĂ€hlen. Dieses Dorffest hat sich ja bereits am letzten Wochenende angekĂŒndigt durch das tagelange Vorlesen eines religiösen Buchs, bei dem sich die Mönche abwechselten. Man hörte das Rezitieren dank eines mit Generator betriebenen Lautsprechers im ganzen Dorf, Unterbrechung gabs nur von Mitternacht bis drei Uhr morgens. Ich habe keine Probleme, die religiösen Praktiken anderer Religionen zu respektieren, doch ging mir das schon an den Nerv. Am Mittwoch war diese Phase vorbei. Am Fuße der weißen Pagode wurde ein Zelt hergerichtet, in dem am Abend ein wichtiger Abt eine Predigt an die GlĂ€ubigen richtete. Gleichzeitig wurde, hundert Meter von meinem Zimmer entfernt,  eine BĂŒhne aufgebaut und abends gabs dann eine von den Mönchen gesponserte Show fĂŒr die ganze Bevölkerung. Es spielte im Hintergrund ein Orchester mit vielen Trommeln, auf der BĂŒhne gaben Frauen und MĂ€nner ihre teils religiösen, teils weltlichen Songs zum Besten. FĂŒr mich interessant war sowohl das BĂŒhnenbild als auch die Kleidung der SĂ€nger und SĂ€ngerinnen. Die Ă€lteren waren in traditionellen Longis gekleidet, die jĂŒngeren erschienen im Glitzer-Minikleidchen und in Schuhen mit ĂŒberirdischen Plateausohlen, die den Eindruck machten, sie kommen aus einer OrthopĂ€die-Werkstatt. Die zarten FĂŒĂŸe diese jungen Frauen passen einfach nicht zu diesen klobigen Teilen, doch scheint dies “in” zu sein, man sieht es auch im Fernsehen. Die SĂ€ngerinnen und SĂ€nger erhalten wĂ€hrend des Gesangs vom Publikum hie und da eine LotosblĂŒte ĂŒberreicht oder eine Blumenkette umgehĂ€ngt. Applaus zu geben, ist offenbar völlig unĂŒblich, kein Mensch rĂŒhrte wĂ€hrend des ganzen Abends eine Hand. Das Publikum sitzt am Boden auf Matten, Folien, Pappe oder einfach auf der Erde. FĂŒr uns vom Kindergarten waren unsere StĂŒhle an den Ort des Geschehens geschafft worden. Wir zogen schon vor Beginn der Show allerdings vom Mittelfeld an das Ă€ußerste Ende, weil die LautstĂ€rke auf der nach oben offenen Dezibel-Skala nicht mehr zu orten war. Man ist auch nicht besonders heraus geputzt fĂŒr diese Veranstaltung. Die Mönche sind in großer Zahl anwesend, mischen sich unters Volk, Kindermönche und erwachsene Mönche. Wie der kleine witzig-frivole Sketch, der den alltĂ€glichen Kampf zwischen Mann und Frau auf die Schippe nimmt, bei ihnen ankommt, ist an der Miene nicht zu erkennen. FĂŒr die Kinder gibt es anlĂ€sslich des Tempelfestes ein Karussell, SpielzeugstĂ€nde mit dem pĂ€dagogisch besonders wertvollen chinesischen Plastikspielzeug, LuftballonstĂ€nde und natĂŒrlich reichlich zu Essen. Als um 11 Uhr nachts das fĂŒr mich unverstĂ€ndliche TheaterstĂŒck anfing, suchte ich mein Bett auf. Doch bis zum offiziellen Schluss um drei war an Schlaf nicht zu denken. Diese Show gab es dann am drauf folgenden Tag in verĂ€nderter Form erneut. Von der BĂŒhne war am nĂ€chsten Tag nur noch ein GerĂŒst von ungefĂ€hr zwanzig Bambusstangen zu sehen und die Lotusblumen und BlumenkrĂ€nze lagen verwelkt auf dem Boden. Mit den Blumen aus dem Garten oder vom Markt geht man großzĂŒgig um. So hat fast tĂ€glich eine SchĂŒlerin wohlriechende weiße BlĂŒtchen aus ihrem Garten mitgebracht, die sie vor Unterrichtsbeginn noch schnell mit Nadel und Faden aufgefĂ€delt hat. So hatten alle anwesenden Frauen ein KrĂ€nzchen auf dem Haar und den Kopf umwehte den ganzen Tag eine herrlich duftende Wolke. Sie benötigen wahrlich kein teuer gekauftes ParfĂŒm aus dem Westen!

Momentan finden die Abschlussexamen der ZehntklĂ€ssler statt. Sie gehen ĂŒber acht Tage, jeweils von 9 bis 12 Uhr, jeden Tag ein anderes Fach. Ich kenne zwei sechzehnjĂ€hrige Jugendliche, die daran teilnehmen. Sie nehmen diese PrĂŒfung sehr ernst, sie entscheidet, ob sie weitermachen können oder nicht. Ein Junge, der Sohn vom Schreiner, ging zur Examensvorbereitung in eine Klosterschule im Ort. Dort ist dieser Nachhilfeunterricht kostenlos. Ansonsten verbreitet sich gerade die Unart, schon in den unteren Klassen Nachhilfe zu nehmen, rasant. Dabei werden die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler von Lehrern unterrichtet, die gar keine sind und dann noch, zur vollen Verwirrung der SchĂŒler, den Stoff auf eine andere Weise vermitteln als in der Schule. Die Eltern nehmen Schulerfolg schon ernst, doch wird hier nach Meinung von Kyaw Kyaw und den Kindergarten-Mitarbeiterinnen ĂŒbertrieben. Dass vor allem keine Zeit bleibt fĂŒr freies Spiel und die Entwicklung von sozialem Verhalten, haben sie kritisiert. Es gefĂ€llt mir schon, dass sie eine eigene Meinung zu pĂ€dagogischen Themen haben und diese  kundtun, auch wenn sie gegen die allgemeine Auffassung verstĂ¶ĂŸt.

Insgesamt gesehen haben die Teilnehmer meiner Schulungen ĂŒber  die Jahre eine gewisse Fachlichkeit erreicht. Sie können begrĂŒnden, was sie tun und ihr Vorgehen Außenstehenden erklĂ€ren. Durch intensive Elternarbeit wurde es möglich, dass die Elternschaft die modernen Methoden des Kindergartens verstanden haben. Inzwischen haben sie die Anerkennung und WertschĂ€tzung der Dorfbevölkerung. Mittlerweile kommen auch Kinder aus den Nachbardörfern. Von der neuen Grundschule, die gerade erstellt wird, ist ein Synergie-Effekt zu erwarten. Wer sein Kind in die neue Schule schicken will, wird es vorher im Kindergarten anmelden.
Ich hatte bei all meinen EinsĂ€tzen immer das GefĂŒhl, dass sie sich ausbilden lassen wollen: “We like to improve!”, hörte ich oft. Die Erzieherinnen leisten auf ihrem Gebiet anerkennenswerte Pionierarbeit. Das habe ich ihnen frĂŒher oft zum Trost gesagt, wenn sie sich ĂŒber das UnverstĂ€ndnis in der Dorfbevölkerung beklagt haben.

Nun werde ich mich von meinem Zimmer mit meinem Haustier, einem Gecko, verabschieden mĂŒssen. Es war diesmal ein ganz vorwitziger, der sich sogar von der Decke heruntergetraut hat in meinen Koffer. Dort sammeln sich schon wieder viele Geschenke. Die Menschen hier sind einfach großzĂŒgig und wollen immer eine Freude bereiten. Auch Essenseinladungen gab es in letzter Zeit wieder fast tĂ€glich. Die Personen, mit denen ich umgehe, sind einfach liebreizend. Klappt mal etwas nicht, so muß man das mit Gelassenheit und einem LĂ€cheln abtun und als kulturelle Eigenart verbuchen. Sie haben auch ihren eigenen Zeit-Takt. Ist er erstmal gefunden, so kann man sie fĂŒr Vieles begeistern.
Am Dienstagmittag geht mein Flugzeug von Mandalay nach Bangkok. Dort habe ich zehn Stunden Aufenthalt. Erst nach Mitternacht kann ich die Maschine zum zehnstĂŒndigen Direktflug nach MĂŒnchen besteigen. Das GepĂ€ck geht durch, so habe ich damit keine Last. FĂŒr den langen Zwischenaufenthalt wurde mir großzĂŒgigerweise vom SES ein Zimmer im Flughafenhotel bestellt. Da kann ich mir die Wartezeit angenehm vertreiben. Um Ortszeit sieben Uhr morgens bin ich dann in MĂŒnchen, wo mich vermutlich ein Temperaturunterschied von zwanzig Grad erwartet.  Auf den FrĂŒhling zuhause freue ich mich.
Obwohl ich mich fĂŒr belastbar und genĂŒgsam einschĂ€tze, hat mich dieser Einsatz schon geschafft. Die Hitze, der LĂ€rm, der Sand und Staub, der MĂŒll und die einfachen WohnverhĂ€ltnisse haben mir Einiges abverlangt. Zuhause werde ich meinem Körper Ruhe und Pflege gönnen.
The duty is done!
Seid nun das letzte Mal gegrĂŒĂŸt aus dem kleinen Mingun am großen Irawady, Christine

11. MĂ€rz 2017  Christine Kießling              Fotorechte: Christine Kießling