Third week in Mingun: christine Kießling reports

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Liebe Freunde und Bekannte, liebe Interessierte am Projekt Kindergarten Mingun!

Mingun Tea-Shop
Mingun: Der Tea-Shop neben dem Kindergarten und der neuen Schule Foto: Christine Kießling

Nun, zum Auftakt des dritten Wochenberichts möchte ich Euch teilhaben lassen am Leben und Treiben rund um den Teashop. Dieser Ort ist ein Spiegelbild des gesamten Dorflebens. Seit letztem Jahr sind zwei neue “Geschäfte” an der Kreuzung dazugekommen: ein Betel-Shop und ein Freiluft-Restaurant mit nachmittäglichen Öffnungszeiten.
Für den Betel-Shop wurde einfach an ein Wohnhaus eine Theke mit Überdachung angebracht, verkleidet mit Reklametafeln der burmesischen Telekom. Dieses Fachgeschäft verkauft nur einen einzigen Artikel, den bei Männern und Frauen allseits beliebten Betel, ein Kaugenuß bestehend aus einem Stück Betelnuß und weiteren Zutaten. Diese Mischung wird in ein frisches grünes Blatt gewickelt und im Fünferpack in der Plastiktüte verkauft. So wie man sich bei uns gegenseitig eine Zigarette anbietet, so teilt man unter Gleichgesinnten hier das Betelpäckchen. Ist der Betelverkäufer unbeschäftigt, so hat er seinen Gockel auf dem Schoß und streichelt ihn hingebungsvoll. Die dazugehörige Henne mit ihren Küken schlägt sich tapfer im Überlebenskampf an der vielbefahrenen Kreuzung. Unerschrocken pickt sie mit ihrer Schar die eßbaren Überreste aus dem Spülwasser, das die Teashop-Frau zur Staubbekämpfung auf die Kreuzung geschüttet hat.
Das Teilzeit-Restaurant wird von der Frau des Dorfschreiners betrieben. Sie zieht mit ihrem Utensilienkorb auf dem Kopf am frühen Nachmittag auf, stellt drei Steine zusammen und entfacht ein Feuer. In ihrem Wok frittiert sie Fladen aus Maiskörnern, Kürbisstreifen und kleinen Shrimps. Auf stapelbaren niedrigen Plastikhockern sitzen dann die Gäste, meist Frauen, und knuspern die Leckereien, die mit einer Chillisoße gereicht werden. In dieser lustigen Gesellschaft wird sicher so mancher Klatsch ausgetauscht. Am Morgen ist nur noch die verlassene Feuerstelle zu sehen.
Von meinem Stammplatz im Teashop aus kann man die gesamte Kurve und drei Straßen einsehen. Da tut sich natürlich immer etwas. Man sieht die unterschiedlichsten Gefährte mit der vielfältigsten Besatzung. Eine einzelne Person im Auto, Tucktuck, Lkw,  Moped oder Fahrrad ist selten. Oft sind auf einem Moped drei Generationen vertreten, auch eine stillende Mutter habe ich schon gesehen. Die modernen Mütter setzen jetzt ihre Babys in ein umgebundenes Tragegeschirr, wie es auch bei uns üblich ist. Früher, so wurde mir gesagt, band man den Säugling um in einem Longi vom Ehemann. Vereinzelt sieht man auch schon eine Mutter einen Buggi mit Dach durch die holprige Straße schieben. Daneben schreitet ein alter Mann mit zwei Kübeln  Irrawadywasser an einer Schulterstange, ohne etwas zu verschütten. Die jungen Männer tragen neuerdings bei der Mopedfahrt einen Mundschutz, meist schwarz oder im Leopardenmuster. Gerade ist es auch in, sich die kohlrabenschwarzen Haare mit Chemie aufzuhellen oder Muster in die kurz geschnittenen Seitenhaare einzurasieren. Da werden sicher Vorbilder aus dem Fernsehen kopiert. Auch verzichten so manche Teenager-Jungs auf den klassischen Longi und gehen in knallengen Jeans. Wenn dann ein Bauer mit seinem Kuhgespann gemächlich um die Kurve fährt und von einem modebewußten Jugendlichen mit dem schnittigen Moped überholt wird, prallen Welten aufeinander: Vergangenheit und Zukunft.

Tea-Shop am Kindergarten: Mönche beim Frühstück Foto: Christine Kießling

Die Besucherschar des Teashop ist unverändert. Nahezu das ganze Dorf ist im Laufe des Tages zu Gast. Einen Milchtee zu trinken, kostet ein paar Cent. Man kann sich auch niederlassen, um nur einen “Je Nwe Chan” zu trinken. Das ist ein sehr dünner Grüntee, den es kostenlos gibt. Dieser Service ist allgemein verbreitet, jede Gaststätte und jedes Hotel bietet diesen Tee an. Er steht in einer Thermoskanne auf dem Tisch, daneben die kleinen Glasgläser. Morgens um sieben ist im Teashop-Fernseher der religiöse Sender eingeschaltet. Er zeigt Mönche beim Gebet in den Klöstern. Bin ich zu dieser Zeit beim Frühstück, so sehe ich die Minguner Mönche bei ihrem Gang durchs Dorf, um ihr Essen zu sammeln. Manchmal kehrt ein einzelner Mönch noch im Teashop ein, manchmal kommen sie auch in kleinen Gruppen. Sie stellen ihren Sammeltopf auf den Tisch und bestellen sich ein Getränk, gelegentlich auch noch etwas Essbares dazu. Sie bekommen dann das Plastikdöschen mit den Filterzigaretten hingestellt, fingern aus ihrer Robe das Feuerzeug und zünden sich genüßlich eine Zigarette an. Gelegentlich kommen sie schon mit dem Stümpchen an. Manchmal bekommt auch das dreijährige Mädchen der Teashopbesitzerin einpaar Bonbons von den Mönchen geschenkt. Bin ich später beim Frühstück, so treffe ich die Familienväter mit ihren kleinen Kindern, zum Beispiel den Kassenverwalter des Kommittes und den Mann einer Schülerin. Oft nehmen sie nach der Einkehr noch ein Gebäck oder einen Kaffee in einem zugeknoteten Plastikbeutel mit nach Hause. Zu dieser späteren Zeit gibt es “Nat Geo Wild”, eine Tiersendung  mit unterschiedlichen Themen im Fernsehen. Mal ist die “Woche der Großkatzen” dran, mal gehts um den “Kampf ums Überleben”. Die Gäste hängen mit offenem Mund am Bildschirm, besonders bei Szenen, wo sich große Raubtiere einen spektakulären Kampf liefern. Natürlich wird auch im Teashop auf dem Smartphone gewischt und getippt und laut palavert. Das Nachbarland China liefert gerne und billig das Spielzeug für Erwachsene. Begeistert werden Fotos damit gemacht. Dies ist für die Menschen hier, die bisher ja kaum eine eigene Kamera hatten, ein neuer Luxus.  Am Abend findet sich die Chit Lon  -Mannschaft zur Lagebesprechung im Teashop ein. Chit Lon ist ein in Myanmar weit verbreitetes Geschicklichkeitsspiel für Jungs und Männer. Ein Ratanball wird dabei akrobatisch mit den Beinen oder dem Kopf  übers Netz geschlagen ins Feld der gegnerischen Mannschaft. Während des Tages sieht man auch Frauen im Teashop, abends jedoch nicht mehr. Es wird nicht gern gesehen, wenn nach Einbruch der Dunkelheit, ungefähr um halbsieben, Mädchen noch unterwegs sind. Auch ich wurde, als ich einmal nach Unterrichtsschluß noch durchs Dorf mußte, um meinen Frühstückshefekranz einzukaufen, laufend gefragt, wo ich hingehe und ob sie mir helfen  können. Ich hatte dann das Glück, dass eine mir unbekannte junge Frau mit dem Moped anhielt und meinen Namen nannte. Sie nahm mich mit zum Laden und brachte mich auch wieder heim. Wenn Eltern mit Kleinkindern bei Dunkelheit  unterwegs sind, zeichnet die Mutter dem Kind einen schwarzen Punkt aufs dritte Auge, um es zu schützen. Soviel diesmal zum Dorfleben.


Beim Training geht alles seinen gewohnten Gang. Wir teilen die Zeit gut ein, sie geht ja langsam zu Ende. Inzwischen sind der Lehrer und die Lehrerin so routiniert, dass sie auch ohne mich weitermachen können. Das Praktische macht den Schülerinnen am meisten Spaß, doch auch bei der Theorie sind sie aufmerksam dabei. Wir geben auch manchmal Material oder Spiele mit nach Hause, um Gelerntes dort nochmals zu erproben.
Der Neubau der Grundschule geht in Riesenschritten voran. Nach einer Woche Arbeit, auch sonntags, waren die Gräben fürs Fundament ausgehoben. Der Elektiker hat gestern noch eine Leitung verändert, die im Weg war. Er hatte vor zwei Wochen auch Lampen in den Toiletten und in der Dusche angebracht und noch einige Lampen am Gebäude ersetzt. Er benötigte einen Tag dazu und verlangte samt Material 60 €. Das ist nachhaltig investiertes Geld, wir hatten es noch übrig aus meinem Spendentopf. So kann man jetzt nach sechs Uhr abends bei Licht noch duschen, wenn man eine Erfrischung genießen will. Chan Chan , die Architektin war wieder da, um sich das gelieferte Material anzuschauen und den Fortschritt zu kontrollieren. Es gibt ja einen Zeitplan, der es ermöglichen soll, dass man schon Anfang Juni mit einer Klasse starten kann. Die zukünftige Erstklass-Lehrerin beteiligt sich an unserem Training. Am Sonntag wird sie mit Kyaw Kyaw die Klosterschule im Nachbardorf besuchen, um sich von den dortigen Erfahrungen berichten zu lassen. Durch die Bauarbeiten sind viele Arbeiter auf dem Gelände. Es herrscht ein Kommen und Gehen, Lieferungen treffen ein. Es kann vorkommen, dass um acht Uhr abends ein Lkw vorfährt und  hundert Säcke Zement ablädt, die auf der Veranda des Kindergartens neben meiner Zimmertür gestapelt werden. Während meiner Mittagspause wird vor meinem Fenster eifrig geflext und gehämmert. Wäre mein Aufenthalt hier eine Tui-Reise, so könnte ich Preisnachlass wegen Lärmbelästigung erwarten.
Insgesamt ist das Dorf lauter geworden. Es gibt mehr Fahrzeuge aller Art und Größe, die sich mit viel Gehupe den Weg bahnen. Schon morgens dudelt ein Lautsprecher die neuesten Schlager.  Hunderaufereien mit Gebell sind bei Tag und auch bei Nacht zu hören. Seit Freitag tönen rund um die Uhr Gebete, die in monotonem Singsang ins Mikrofon gesprochen werden. Dies wird sich jedenTag bis Mittwoch wiederholen. Das Vorlesen darf von den Mönchen nicht unterbrochen werden, bis das Pagodafestival beginnt.  Um dieser Dauerberieselung und dem Baulärm auf dem Gelände zu entkommen, kann man bloß ins Gartencafe flüchten, wo nur das Tuckern der Irawady-Boote zu hören ist. Dort weht auch eine feine Brise vom Fluß her und der eisgekühlte Smoothie schmeckt herrlich. Auf dem Wasser sind die Bambus-Verkäufer zu sehen. Diese Menschen kommen aus den Wäldern des Nordens auf dem Irawady nach Zentralbirma geschippert. Die im Dschungel gefällten Bambusstangen werden nach dem Fällen zu einem stabilen Floß zusammengebunden. Auf diesem Floß leben die Menschen in primitiven Zelten und verkaufen an jeder Anlegestelle flußabwärts ihre Bambusstangen. Diese werden dann von ortseigenen Handwerkern zu Hauswänden und anderem verarbeitet. Ist im Laufe der Reise die gesamte Fracht, oder besser gesagt, der gesamte schwimmende Untersatz, an die Käufer abgegeben, so setzen sich diese Familien  mit Sack und Pack in den Zug und fahren wieder heim in den Norden.
Die Temperatur geht nun untertags schon auf die dreißig Grad zu, es beginnt die heiße Zeit. Die Menschen jammern, weil ihnen der Wechsel der Jahreszeiten zu schaffen macht. Es tauchen gesundheitliche  Beschwerden auf wie im Voralpenland bei Föhnwetter: Abgeschlagenheit, Gliederschmerzen und Kopfweh.

Die Tourist Police Officers habe ich diese Woche an ihrem Einsatzort besucht, nachem wir uns im Teashop mal verpaßt hatten. Sie haben dann natürlich gleich Pause gemacht und sind in voller Besetzung mit mir zum Kaffeetrinken gegangen. Sie haben mir stolz ihre zwei  Mitarbeiterinnen vorgestellt. Es sind junge Frauen von 22 und 25 Jahren, die leidlich Englisch sprechen. Es gab viel Gekichere und Vokabelnachhilfe aus dem Smartphone. Ich finde es wunderbar, dass sie die Notwendigkeit von weiblichem Personal erkennen.


Am Samstag habe ich mich morgens schon vor dem Frühstück aufgemacht, um auf den Markt zu gehen. Das Angebot ist unverändert: von Blumen für den religiösen und auch privaten Zweck, von Gemüse der vielfältigsten Art bis hin zu Rindfleich, Schwein und vor allem Hähnchen. Es gibt auch viele Innereien, es wird nahezu alles vom Tier verwendet. Besonders beeindruckt war ich wieder von den Fischständen; von den kleinen Shrimps bis hin zum armlangen Fisch war alles zu finden. Der nahe Fluß ist eine reiche Quelle.
Das Wochenende war reserviert für die Besuche bei den Patenkindern meiner Freunde und Bekannten. Fünf Kinder haben wir zuhause angetroffen, der unterstützte Student war in Mandalay, wo er nebenher noch arbeitet. Obwohl ich ja mittlerweile schon Einiges gesehen habe, bin ich doch immer wieder überrascht über die einfachen Wohnverhältnisse. Die Väter sind zum Teil auswärts beim Arbeiten. Ein Vater ist durch einen Schlaganfall behindert. Die Mütter bewirten Kyaw Kyaw , der für die Patenschaftsverwaltung verantwortlich ist, und mich mit Früchten und kleinen Kuchenstücken. Es herrscht immer eine herzliche Atmosphäre.

Der Mark in Mingun Foto: Christine Kießling

 

 

 

Am Morgen auf dem Markt in Mingun Foto: Christine Kießling

Seid nun wieder gegrüßt aus dem kleinen Mingun am großen Irrawady, Christine

6.März 2017 Christine Kießling      Fotorechte bei der Autorin