Writing history: Burma votes for its future

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8.November, Sonntags in aller FrĂŒhe

Am Wahltag: morgens kurz vor 6 eine ruhige 19.Strasse  Foto:Karl Bruch
Am Wahltag: morgens kurz vor sechs eine ruhige 19. Straße Foto:Karl Bruch

Kurz vor 6:00 klingelt das Telefon. Aung Kyaw Moe, ein junger Mann, der beim Technischen Service der Phaung Daw Oo Monastic High School Dienst tut, ist dran: “Hi Karl, we are ready for the election party”.  Wahl-Party. Noch etwas frĂŒh zum Feiern. Aber wir haben uns verabredet um zusammen zum Wahllokal zu gehen. Als AuslĂ€nder haben wir keinen Zutritt, aber die Neugierde reitet uns schon, wie der erste wirklich freie Wahltag in Myanmar ĂŒber die BĂŒhne geht. Als wir kurz nach sechs auf unseren FahrrĂ€dern durch die morgenfeuchten, warmen  Straßen fahren sind ĂŒberraschend viele Menschen zu Fuß unterwegs. Sonst um diese Zeit wimmelt es schon von Mopedfahrern.Es ist laut, Treibstoff-stinkig und hektisch. Die morgendliche Brown’sche Molekular-Bewegung. Seit 6:00 sind die Wahllokale geöffnet an diesem friedlichen Morgen: Von weitem sehen wir dann schon die langen Schlangen vor einer Schule, die zweite große Ansammlung vor einer Meditations-Halle. Aung Kyaw Moe und seine Freunde erwarten uns vor dem Tea-Shop. Zu ihrem Wahllokal fĂŒr das Nan She Aungmyethasan Township  ist es nicht weit. Ihren Wahlschein, NRC (der myanmarische Personalausweis oder national registration card) haben sie mit, und wir stellen uns hinten an die gerade lĂ€ngste Schlange an. Je nach Wahl-Nummer muss man sich einordnen.  Eine und eine halbe Stunde rĂŒcken wir vor bis zum Eingang der Pagode. Bethelkauen, Smartphones und fotografieren sind verboten. Zur Überwachung steht ein frisch eingekleideteter junger Mann bereit. “Special police” steht auf den AufnĂ€hern seines krachneuen Diensthemdes. Bevor die jungen MĂ€nner den Schritt ĂŒber die Schwelle der Pagode tun, ziehen sie schon mal ihre Slipper aus, parken diese ordentlich an der linken Seite – dort werden sie wieder herauskommen – und machen sich bereit. Das Hemd wird nochmals gerichtet, der Longhi fest gebunden. Bereit fĂŒr den staatsbĂŒrgerlichen Akt der ersten wirklich freien Wahl in Myanmar. Nau the ya – der nĂ€chste. Wie beim Zeitfahren mit einem Klaps auf den RĂŒcken werden die Wartenden auf den Weg geschickt zum 20 Meter entfernten Wahllokal.
Die diensttuenden MĂ€nner – innen im Wahllokal kann ich auch Frauen sehen – tragen frische weiße Hemden, einen dezent dunklen Longhi und die Feiertagsslipper mit Samtriemen. Schaut man genauer hin, dann findet man sie wieder, die kleinen SkurrilitĂ€ten des Alltags. Am Zaun der  Pagode hĂ€ngt der sĂŒĂŸe Kaffee in einer PlastiktĂŒte neben den Curries fĂŒr das Mittagessen und den Papayas mit Chilipulver.
Nach 10 Minuten kommen sie wieder heraus aus dem Wahllokal, den kleinen Finger der linken Hand zur HĂ€lfte mit Pigmentfarbe violett eingefĂ€rbt. Auch durch grĂŒndliches Waschen nicht an einem Tag zu entfernen. Aber wer will schon zweimal wĂ€hlen gehen. Immerhin dauert die ganze Prozedur doch mehr als zweieinhalb Stunden.
Die Wahlparty findet dann doch noch statt: Im Tea-Shop, wo all die blaufingrigen FrĂŒhaufsteher sich jetzt ihr verdientes FrĂŒhstĂŒck genehmigen.

Nan Myint Minuten nach der Wahl  Foto:Karl Bruch
Nan Myint Minuten nach der Wahl Foto:Karl Bruch

8. November, Sonntagmittags und -abends

den ganzen Tag ĂŒber sieht man die Wahlschlangen. Abends – es dunkelt bereits um viertel vor sechs – werden die Stimmen unter den Blicken der kritischen Zuschauer ausgezĂ€hlt. Auch spĂ€t am Abend noch kurz vor 9:00 – immer noch Trauben von Menschen vor den Wahllokalen. Stattdessen sind an diesem Abend die Straßen so ruhig wie nie zuvor. Die große Mehrzahl der Lokale hat geschlossen, selbst die, in denen man am Sonntagabend normalerweise gut verdient: Die Bier-Lokale mit Zapfbier ( 700 Kyat = 45 Cent fĂŒr den Humpen ), wo Sonntagabends Premier-Ligue und Bundesliga die zumeist mĂ€nnlichen Besucher magisch anziehen, bleiben geschlossen. Borussia Dortmund gegen Schalke bleibt an diesem Abend dem sonst ausgelassen lĂ€rmenden, trinkenden fachkundigen MĂ€nnerpublikum versagt.

9. November 2015  Montag – Mandalay wird rot.

Das goldene Mandalay, seiner vielen gĂŒldenen Pagoden wegen so genannt, hat zwei große Besonderheiten bei dieser Wahl. Als die zweitgrĂ¶ĂŸte Stadt Myanmars ( 1.3 Millionen Einwohner ) und als das religiöse Zentrum des Landes hat die Bevölkerung rund ein Achtel ihrer Einwohner durchzufĂŒttern, ohne daß diese am wirtschaftlichen Leben teilnehmen: Mönche, Novizen und Nonnen machen rund 12% der Gesamtbevölkerung Mandalays aus. Sie haben kein Stimmrecht
Die zweite Besonderheit: In dem quadratischen Palastareal leben rund 7000 MilitĂ€rs und ihre Angehörigen, auch im Nordosten der Stadt gibt es ein weitlĂ€ufiges MilitĂ€rareal. Wie diese abstimmen werden, wurde mit Spannung erwartet. Am Montag war es klar: Mandalay wird rot, und zwar ganz und gar, ausnahmslos. Die Partei von “amei Suu” ( “Mama Suu” ) hat eine rote Flagge mit weißem fĂŒnfzackigen Stern in der linken oberen Ecke und den gelben angreifenden Kranich unten rechts. Alle Townships, auch dasjenige mit 7000 MilitĂ€rs “Nan She Aungmyethasan Township” wĂ€hlen in Mehrheit NLD. Entsprechend wird gefeiert vor den BĂŒros der NLD, die auch im Wahlkampf die grĂ¶ĂŸte PrĂ€senz demonstrierte. Heute hat die Stadt ihr normales Tempo wieder und eine neue Farbe angenommen.

Fans von Aung San Suu Kyis NLD ( National Ligue for Democracy)  Foto:Karl Bruch
Fans von Aung San Suu Kyis NLD ( National Ligue for Democracy) Foto:Karl Bruch

Mandalay: Karl Bruch